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von Arne

Zuletzt aktualisiert am: 20. June 2017

Die Karlsbader Kanne

Ist das noch eine Kaffeekanne oder schon eine Kaffeemaschine? Nun ja. Zumindest ist an der Karlsbader Kanne mal so gar nichts Mechanisches. Also eher Kaffeekanne. Und Kaffeebereiter. Ein 2-in-1-Erfolgsmodell sozusagen. Und zwar schon seit dem späten 18. Jahrhundert. Belegt ist dieser Typ Kaffeebereiter nämlich bereits seit 1795. Damals verbreitete er sich von Frankreich aus unter dem Namen Seihkanne auch in hiesige Gefilde.

Der Begriff „seihen“ ist heute in weiten Teilen Deutschlands eher ungebräuchlich. Im Süden der Republik benutzt man ihn landläufig aber weiterhin synonym zu „sieben“, „passieren“, „filtern / filtrieren“. Tatsächlich besteht das Wort aber seit althochdeutschen Sprachzeiten und bezieht sich bei der Seihkanne auf den Filtervorgang im Siebaufsatz. Bis heute hat sich am Aufbau und Funktionsprinzip der Seih- oder Karlsbader Kanne nichts geändert. Nur der Name. Der ist anders.

Warum die Karlsbader Kanne Karlsbader Kanne heißt

Zwar waren es die Franzosen, die das Prinzip der Seihkanne entwickelt haben. Doch während deren Kannen vorrangig aus Metallen wie etwa Silber, Zinn oder Kupfer, gefertigt wurden, haben die Tschechen Porzellan verwendet.

Auch an der Form haben die Schöpfer der Karlsbader Kanne etwas gedreht. In der tschechischen Kurstadt Karlsbad entstand die bauchige Form, die heute als typisch für die Karlsbader Kanne gilt. Darüber hinaus besaß Porzellan einen hohen Stellenwert, erst recht in der bürgerlichen und wohlhabenderen Gesellschaftsschicht.

Karlsbader Kanne aus Porzellan

Die Karlsbader Kanne gibt es nur aus feinstem Porzellan

Doch nicht nur das war für den Siegeszug der Karlsbader Kanne verantwortlich. Porzellan weißt darüber hinaus wesentlich kaffeefreundlichere Materialeigenschaften auf, als Emaille, Zinn oder andere Metalle. Es ist nämlich ein schlechter Wärmeleiter.

Darum bleibt der frisch gebrühte Kaffee in einer Karlsbader Kanne aus Porzellan länger heiß, als in einer Seihkanne aus Metall. Und Porzellan ist kein Geschmacksträger. Das heißt, der Kaffee schmeckt besser, weil kein Eigengeschmack vom Kannenmaterial mitgefiltert wird.

Karlsbader Kanne vs. Bayreuther Kanne

Man könnte nun annehmen, dass ein findiger Röster oder marketing-affiner Kaffeehausbesitzer aus Bayreuth die Karlsbader Kanne nun noch weiter entwickelt hat. In etwa so, wie es die Karlsbader mit dem französischen Vorreiter, der Seihkanne, getan haben. Aber eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall.

Die Bayreuther Kanne ist eher eine Rückbesinnung auf den originalen Seihkannenlook aus Frankreich. Und anders als ihre tschechische Cousine, ist die Bayreuther Kanne auch keine Jahrhunderte alte Traditionskaffeekanne.

Stattdessen ist sie eine sehr moderne Interpretation der Karlsbader Kanne. 2007 verpasste die Porzellanmanufaktur Walküre der Karlsbader Kanne ein Make-over und machte aus der kurvigen Karlsbaderin eine gertenschlanke Bayreutherin. Benannt nach dem Standort der Manufaktur ist die Bayreuther Kanne ein gelungenes Stück Kaffeeästhetik. Die Bayreuther Kanne verhält sich zur Karlsbader in etwa so wie die Venus Botticellis zu der von Rubens. Ein Prinzip, gleiche Funktion, aber völlig unterschiedliches Schönheitsideal.

Will heißen: Außer in der Optik unterscheidet sich die Bayreuther Kanne nicht von der Karlsbader Kanne. Dennoch ist es natürlich hilfreich, den Unterschied zu kennen, wenn ihr euch eine kaufen wollt. Die Karlsbader Kanne verbucht den Vintage-Flavour für sich.

Die Bayreuther Kanne den Coffee Innovations Award. Das wichtigste ist aber immer noch, was am Ende raus kommt. Und das ist bei beiden, der Bayreuther wie der Karlsbader Kanne, der unverfälschte Kaffeegenuss.

Der Hersteller der Bayreuther Kanne, Walküre

Ob Siegmund Meyer bei der Namensfindung an Wagners Walkürenritt dachte, als 1899 die Bayreuther Porzellanmalerei mit Blick auf das dortige Wagner-Theater eröffnete? Die Antwort bleibt er schuldig. Sicher ist, dass er mit Walküre eine der renommierten Porzellanmanufakturen Deutschlands gegründet hat. Und eine der wenigen, die sich auf alltäglich einsetzbares Geschirr für Privathaushalte und Gastronomie gleichermaßen spezialisiert haben.

Irgendwie kann man nicht umhin zu denken, dass die Form der Karlsbader Kanne ja auch etwas Walkürenhaftes hat. Und immerhin ist die Kanne ein Traditionsprodukt in der Manufaktur. Von Anfang an war sie im Sortiment zu finden.

Da war es nur konsequent, den Dauerbrenner irgendwann neu aufzulegen und als Bayreuther Kanne an den kaffeeliebenden Mann (und Frau) zu bringen. Durchglasiertes Porzellan meets Kunsthandwerk meets Qualität.

Kaum ein Unternehmen ist so eng mit der Karlsbader Kanne verknüpft, wie Walküre. Sei es in traditionellem Gewand oder in modernem Design. Sogar individuelle Kollektionen könnt ihr bei Walküre in Auftrag geben. Wer also auf der Suche nach einem Super-Spezial-Kaffeeliebhabergeschenk ist, weiß dann jetzt, wohin er sich wenden kann!

Gebrauchte Karlsbader Kannen auf eBay und Co.

Für noch mehr Vintage beim Kauf einer Karlsbader Kanne könnt ihr natürlich auch auf dem heimischen Dachboden suchen. Oder dessen virtuellem Pendant: eBay. Auch auf örtlichen Flohmärkten könnt ihr durchaus Glück haben.

Der Vorteil dabei, eine gebrauchte Karlsbader Kanne zu kaufen, ist natürlich der, dass ihr hier oftmals andere Modelle, Farben und Formen findet, als in Onlineshops oder im Laden.

Der Nachteil wiederum ist, dass ihr nur schwerlich an Ersatzteile kommt, sollte das Service nicht vollständig sein. Und tatsächlich bisweilen ganz schön tief in die Tasche greifen müsst für eine gebrauchte Karlsbader Kanne.

Kaffee kochen mit der Karlsbader Kanne

Kaffee kochen mit der Karlsbader Kanne ist vor allem eins: unaufwändig. Denn alles, was ihr braucht, kauft ihr mit der Karlsbader Kanne mit. Sie besteht in der Regel aus vier Porzellanteilen: Der Kanne selbst, einem Filter, einem Seiher und einem Deckel. Wer mag, kann sogar noch ein Stövchen kaufen, um den Kaffee in der Kanne noch länger warm zu halten.

Die Karlsbader Kanne gibt es übrigens in diversen Größen. Für nur eine große Tasse Kaffee, für zwei Tassen oder für drei bis vier Tassen Kaffee. Egal, für welche ihr euch entscheidet, die Zubereitung erfolgt immer nach dem gleichen Muster. (Logisch irgendwie, oder?!)

  1. Zu allererst bringt ihr das Wasser zum Kochen.
  2. Dann mahlt ihr den Kaffee.
  3. Ihr gebt das Pulver in den Filteraufsatz und
    Kaffeepulver in Filteraufsatz

    Einmal das Kaffeepulver in den Filteraufsatz

  4. setzt diesen dann auf die Kanne.
  5. Dann kommt der Seiher auf den Filter.
    Filter auf Seiher

    Der Seiher muss auf jeden Fall auf den Filter

  6. Jetzt gießt ihr zunächst nur einen Teil des Wassers in den Seiher.
  7. Lasst dem Pulver ein paar Sekunden Zeit, aufzuquellen.
    Aufgequelltes Kaffeepulver

    Aufgequelltes Kaffeepulver

  8. Dann gießt vorsichtig nach und nach das restliche Wasser über den Seiher in den Filter.
  9. Kontrolliert zwischendurch, dass ihr den Wasserstand immer etwa konstant haltet.
  10. Wenn das Wasser komplett durchgelaufen ist, nehmt den Filter samt Seiher von der Kanne,
  11. setzt den Deckel auf und
  12. serviert euren Karlsbader Kaffee!

Das Ganze kann natürlich genauso für die Kaffeezubereitung in der Bayreuther Kanne angewandt werden.

Der richtige Mahlgrad für Kaffee aus der Karlsbader Kanne

Für die Karlsbader Kanne eignen sich feine Arabica-Sorten, die in dieser Zubereitungsform unglaublich klar in der Tasse sind. Damit die Nuancen der perfekten Kaffeesorte aber auch perfekt zur Geltung kommen, müsst ihr wissen, welches der richtige Mahlgrad ist.

grobes Kaffeepulver

So grob sollte der Kaffee gemahlen sein

Wenn ihr einen Blick auf die Form des Filters werft und auch die Bodendurchlässigkeit in Augenschein nehmt, ist das bereits der erste Hinweis. Der Kaffee für die Zubereitung in der Karlsbader Kanne muss sehr grob gemahlen werden.

Also stellt bei eurer Kaffeemühle den gröbsten Mahlgrad ein, der euch noch ein homogenes Mahlbild liefert. Grundsätzlich gilt, je gröber desto besser. Das „Pulver“ für die Karlsbader Kanne darf sehr gern wie Schrot aussehen.

grober Filter

Hier gilt der Leitsatz: Je gröber, desto besser

Bedingt durch die zylindrische Form des Filters kann nur durch eine grobe Mahlung die notwendige Dichte des Kaffeepulvers erreicht werden. Und zwar deshalb, weil grobes Kaffeepulver grundsätzlich durchlässiger ist, als feines. Dafür aber auch länger braucht, um zu extrahieren. Im Filterzylinder hat das Pulver keine Möglichkeit, sich auszubreiten. Deshalb muss für eine gute Extraktion der Raum nach oben genutzt werden.

Zu feines Kaffeepulver würde zu jeder Menge Kaffeesatz in Kanne und Tasse führen. Und aufgrund der Brühtechnik bei der Karlsbader (oder Bayreuther) Kanne zu sehr verdichten, sprich: wasserundurchlässig werden. Falls es doch gelänge, das Wasser durch zu fein gemahlenes Pulver durchsickern zu lassen, wäre die Extraktionszeit viel zu lang.

Die leichter, schneller und über einen längeren Zeitraum herausgelösten Aromastoffe würden in einem bitteren Kaffee resultieren. Um all das zu vermeiden, mahlt euren Geschmacksknospen zuliebe den Kaffee so grob wie möglich.

Die Dosierung ist natürlich allem voran wieder geschmacks- und kaffeesorten-, sowie kannengrößenabhängig.

Unsere Empfehlung für die mittlere Kannengröße (für zwei normal große Tassen) liegt bei durchschittlich 20 – 25 Gramm Kaffee. Für die größte Kanne, mit der ihr etwa drei bis vier normale Tassen Kaffee zubereiten könnt, raten wir euch zu etwa 38 – 45 Gramm.

Ganz genaue Angaben können wir hierzu ja leider immer nicht machen. Aber wenigstens macht das Ausprobieren mit der Karlsbader Kanne auch echt Spaß!

Wie heiß sollte das Wasser sein?

Für die ideale Extraktion ist bekanntermaßen nicht nur der Mahlgrad und das Mengenverhältnis von Kaffeepulver und Wasser verantwortlich. Auch die Wassertemperatur ist entscheidend. Je heißer das Wasser, desto mehr Säuren, Öle und Aromen löst sie aus dem Pulver. Weil das Pulver für die Zubereitung in der Karlsbader Kanne sehr grob gemahlen ist, bietet es eine größere „Angriffsfläche“ für das Wasser.

Weil das Pulver dadurch aber nicht so dicht sitzt, wie etwa bei einer Handfilterzubereitung, geht der Durchlauf des Wassers recht zügig von statten. Um das zu kompensieren, darf das Wasser für das Brühen in der Karlsbader Kanne ruhig etwas wärmer sein, als bei der besagten Handfiltermethode. Im Idealfall ist das Wasser bei der Extraktion etwa 95-96°C heiß. Selbstverständlich könnt ihr etwas herumexperimentieren, nur Kochen sollte das Wasser eindeutig nicht mehr!

(Zu kaltes Wasser oder gleich Cold Brew ist in der Karlsbader Kanne übrigens zum Scheitern verurteilt.)

Heißes Wasser

Auf keinen Fall mit kochendem Wasser aufgießen

Die Durchlauf- / Kontakt- / Extraktionszeit

Nennt es, wie immer ihr wollt. Die Frage dahinter ist ohnehin die gleiche: Wie lang dauert es, bis mein Kaffee in der Karlsbader Kanne zubereitet ist?

Wenn ihr die oben beschriebenen Komponenten alle so berücksichtigt, sollte der Brühvorgang einschließlich der 30-sekündigen Quellphase in einer mittelgroßen Karlsbader Kanne etwa drei bis vier, maximal fünf (wenn ihr was mehr Pulver benutzt habt) Minuten dauern.

fertiger Kaffee

Nach drei bis vier Minuten kannst du deinen Kaffee genießen

Die Zeit, bis das Wasser kocht und ihr den Kaffee gemahlen habt, selbstverständlich ausgenommen.
Insgesamt verlangt die Karlsbader Kanne euch schon ein bisschen Zeit ab. Genügend, um euch als Zeremonienmeister zu fühlen. Um ein bisschen herunterzufahren. Um die Vorfreude zu steigern. Um den Kaffee dann in aller Ruhe zu genießen. Super also für eine entspannte Kaffeepause.

Karlsbader Tasse?

Gute Nachrichten für Pragmatiker! Die Karlsbader Kanne gibt es auch für Direktbezug in die Kaffeetasse. Logischer Weise handelt es sich dabei dann nur um einen Filteraufsatz (+ Seiher) ohne Kanne. Aber immerhin spart ihr euch ein paar Einzelteile beim Spülen.

Die Idee ist in etwa die gleiche, wie beim Handfilter für eine Tasse (beispielsweise der kleine 01er von Hario). Es geht schnell, ohne großen Aufwand und es bleibt kein kalter Kaffee über. Für Singlehaushalte oder Ein-Tassen-Trinker kann die „Karlsbader Tasse“ eine schöne Alternative sein.

Unterschiede zwischen dem Tassenfilter und der Kanne gibt es in der Handhabung grundsätzlich keine. Nur, dass der Kaffee eben direkt in Tasse extrahiert wird. Bei der Karlsbader Kanne kommt er zuerst in eben jene und von da dann in die Tasse.

Einzig bei der Kaffeemenge müsst ihr die Dosierung anpassen.

Wie schmeckt der Kaffee aus der Karlsbader / Bayreuther Kanne?

Mal abgesehen vom grundlegenden Aroma des Kaffees eurer Wahl, wird der Kaffee in der Karlsbader Kanne sehr mild, klar und weich. Es ist denkbar schwierig bei dieser Zubereitungsmethode überzuextrahieren. Erst recht, wenn ihr euch an unsere Empfehlungen haltet.

Immer wieder hört man, dass der Kaffee aus der Karlsbader Kanne so bekömmlich sein soll, dass auch Menschen, die Kaffee sonst nur schlecht vertragen, ihn wunderbar trinken können.
Weil im Filteraufsatz kein Papierfilter zur Anwendung kommt, ist Kaffee bei der Karlsbader Methode ein sehr authentisches Geschmackserlebnis.

Weder Papierfilter noch Siebträger aus Metall verfälschen den reinen Kaffeegeschmack. Weil Porzellan absolut geschmacksneutral ist und die Oberfläche glasiert, wandern alle herausgelösten Aromen und Öle direkt in die Kanne. Die einzigen Faktoren, die bei der Karlsbader Kanne den Geschmack eures Kaffees maßgeblich beeinflussen sind die Kaffee- und Wassersorte.

Für wen lohnt sich die Karlsbader Kanne?

Vorneweg ist die Karlsbader Kanne natürlich ein absolut nostalgischer Blickfang – wobei auch die moderne Variante sehr ansehnlich ist. Nur halt nicht für Vintage-Lover. Sie macht also sehr wohl auch als Deko-Objekt etwas her.

ein nostalgischer Blickfang

Die Karlsbader Kanne ist ein absolut nostalgischer Blickfang

Ansonsten könnte die Karlsbader Kanne vielleicht auch eine Alternative für Kaffeeliebhaber sein, die aufgrund von leichten Unverträglichkeiten sonst zu entkoffeiniertem Kaffee greifen. (Bei chronischen Leiden oder entschiedenem Abraten des Arztes bitte trotzdem Finger weg!)

Auf jeden Fall ein Super-Gadget ist sie aber für alle, die Kaffeezubereitung mit einer gewissen Leidenschaft verbinden. Und Kaffeekochen mehr als Zeremoniell betreiben. Kaffeenerds und Genießer eben. Oder zumindest Sonntagmorgen-Ausgedehntfrühstücker.

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von Arne


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